Impulskontrolle & Frustrationstoleranz beim Hund
Kennst du das? Der Napf wird gefüllt, dein Hund wartet geduldig, bis du ihm das Startsignal gibst. Oder ihr begegnet einem anderen Hund und statt loszupreschen bleibt dein Hund ansprechbar und gelassen. Solche Momente sind keine Glückstreffer, sondern das Ergebnis gezielter Arbeit an zwei zentralen Fähigkeiten: Impulskontrolle und Frustrationstoleranz.
Beides sind Schlüsselkompetenzen, die unseren Hunden helfen, mit dem Alltag klarzukommen, gerade in unserer hektischen, reizüberfluteten Welt. Doch während wir oft erwarten, dass Hunde "einfach funktionieren", übersehen wir, wie viel Energie und Übung es kostet, die eigenen Impulse zu regulieren oder mit Enttäuschungen umzugehen.
Der Mensch im Fokus
Erwartungen die wir selbst nicht erfüllen
Wenn es um Impulskontrolle und Frustrationstoleranz beim Hund geht, richten wir den Blick oft ausschließlich auf den Hund. Doch bevor wir über Training sprechen, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf uns selbst. Denn seien wir mal ehrlich: Wir verlangen oft sehr viel von unseren Hunden mehr, als wir selbst bereit sind zu leisten.
Wir erwarten Geduld, Selbstbeherrshcung und Ruhe, auch in Situationen, die für den Hund emotional aufgeladen sind. Gleichzeitig sind wir selbst häufig ungeduldig, genervt oder überfordert. Ein klassisches Beispiel: Du sitzt im Wartezimmer. Was tust du? Einfach ruhig warten, in Stille ausharren und nichts tun? Eher nicht. Wahrscheinlich nimmst du dein Handy zur Hand, scrollst durch Social Media, blätterst in einer Zeitschrift oder führst ein Gespräch mit dem Sitznachbarn, um die Wartezeit zu überbrücken.
Und jetzt stell dir vor, dein Hund soll in einer ähnlich reizarmen Umgebung einfach nur ruhig „liegen bleiben“. Keine Ablenkung, kein Spielzeug, keine Beschäftigung, nur Warten. Das, was wir selbst kaum aushalten, fordern wir ganz selbstverständlich von unseren Hunden. Dabei vergessen wir oft, dass auch Hunde erst lernen müssen, mit Frust und Langeweile umzugehen und dass diese Fähigkeiten nicht von heute auf morgen entstehen.
Jedes Lebewesen , egal ob Mensch oder Hund, braucht Zeit und Anleitung, um Frustrationstoleranz und Impulskontrolle zu entwickeln. Es geht nicht darum, Frust auszuhalten „weil das eben so ist“, sondern darum, besser damit umzugehen. Und das funktioniert nur mit Einfühlungsvermögen, realistischen Erwartungen und mit einer großen Portion Selbstreflexion.
Was ist Impulskontrolle?
Impulskontrolle beschreibt die Fähigkeit, eine erste, automatische Reaktion auf einen Reiz zu unterdrücken, also nicht sofort zu handeln, obwohl man innerlich dazu gedrängt wird. Bei Hunden zeigt sich das z. B., wenn sie einen Ball oder ein Reh sehen, aber nicht sofort hinterherjagen.
Beim Menschen kennen wir das ganz ähnlich: Du siehst dein Lieblingssnack in der Auslage, hast aber gerade beschlossen, auf Zucker zu verzichten. Der erste Impuls ist, es zu kaufen. Impulskontrolle bedeutet hier, dem inneren Drang zu widerstehen und eine bewusste Entscheidung zu treffen.
Wichtig: Impulskontrolle ist nicht angeboren, sondern entwickelt sich durch Wiederholung und situatives Lernen. Ein Hund, der zu Hause geduldig auf sein Futter wartet, kann draußen trotzdem durchstarten, wenn ein Reh auftaucht, denn Selbstkontrolle ist immer kontextabhängig.
Was ist Frusttrationstoleranz?
Frustrationstoleranz beschreibt die Fähigkeit, mit enttäuschten Erwartungen umzugehen, also ruhig zu bleiben, auch wenn ein Bedürfnis nicht (sofort) erfüllt wird. Für Hunde bedeutet das z. B., dass sie nicht sofort bellen oder springen, wenn etwas nicht wie gewohnt abläuft: Der Spaziergang verzögert sich, das Spiel bleibt aus, oder sie dürfen nicht zum anderen Hund.
Beim Menschen zeigt sich das ganz alltäglich, etwa wenn du vor einem Aufzug stehst, auf dem Weg zu einem wichtigen Termin. Du drückst den Knopf, nichts passiert. Du wartest, wirst ungeduldig, drückst nochmal, vielleicht mehrmals. Der Frust steigt, weil deine Erwartung „der Aufzug kommt gleich" nicht erfüllt wird. Was wäre in dieser Situation hilfreich? Genau: die Treppe. Sie steht symbolisch für ein Alternativverhalten, das uns aus der Sackgasse holt.
Doch wenn du nicht weißt, wo die Treppe ist oder wie du sonst weiterkommst, wirst du immer frustrierter. Und genau das passiert auch unseren Hunden: Wenn sie keinen Plan B haben, keine Möglichkeit, mit der Situation umzugehen, entsteht Frust und der entlädt sich oft in unerwünschtem Verhalten.
Frustrationstoleranz aufzubauen bedeutet also nicht, Frust zu ertragen, sondern mit Hilfe, Struktur und positiven Erfahrungen zu lernen, wie man mit solchen Situationen besser umgehen kann durch Alternativen, nicht durch Aushalten.
Trainingsmethoden im Fokus
In vielen Trainingsratgebern heißt es noch immer: „Ignorier das Verhalten einfach, dann hört es auf.“ Oder: „Der Hund muss lernen, zur Ruhe zu kommen, leg ihn einfach auf seine Decke.“ Doch funktionieren solche Methoden wirklich? Und was richten sie emotional beim Hund an?
Verhalten ignorieren – oft gut gemeint, selten zielführend
Die Idee dahinter ist klar: Ein Verhalten, das nicht mehr zum Erfolg führt (z. B. Bellen), wird mit der Zeit weniger, weil es sich nicht mehr lohnt. In der Theorie klingt das logisch, doch in der Praxis hat dieses Vorgehen oft einen Haken: Wir Menschen halten das Ignorieren selten wirklich durch.
Stell dir vor, dein Hund bellt am Tisch, weil er etwas abhaben will. Du versuchst, das zu ignorieren, aber innerlich nervt es dich, und irgendwann gibst du doch einen genervten Blick, einen Kommentar oder ein "Jetzt sei doch mal ruhig!" ab. Genau das reicht schon, um das Verhalten zu verstärken. Und bevor du dich versiehst, hat dein Hund gelernt: Ausdauer lohnt sich, irgendwann reagieren sie doch.
Dazu kommt: Wenn ein Verhalten, das früher funktioniert hat, plötzlich ins Leere läuft, entsteht Frust. Der Hund wird zunächst mehr von dem Verhalten zeigen, bevor er es aufgibt. Das ist normal, aber nicht jeder Hund kommt damit gut klar.
Zwangsruhe – wirklich Entspannung oder nur Stillhalten?
Ein weiteres Beispiel ist das Thema Ruhetraining oft missverstanden als: Der Hund muss sich einfach mal hinlegen und ruhig bleiben. Doch nur weil ein Hund äußerlich still ist, heißt das nicht, dass er innerlich entspannt ist. Zwangsruhe, worüber der Hund z. B. mit Leine oder Körperblockaden zum Liegen gebracht wird, ist kein Training, sondern eine Art von Zwang und die hat langfristig nichts mit echter Impulskontrolle zu tun.
Ein Hund, der gelernt hat, sich selbst zu regulieren, wird sich freiwillig zur Ruhe begeben. Ein Hund, der festgehalten oder „ausgesessen“ wird, steht unter Druck und lernt wenig außer „Ich darf gerade nichts machen.“
Fazit: Weder das ignorieren von Verhalten noch das Verordnen von Ruhe sind per se böse, aber sie sind nur dann hilfreich, wenn sie Teil eines durchdachten Trainingsplans sind und der Hund dabei unterstützt wird, neue, sinnvolle Verhaltensweisen zu entwickeln. Einfach nur still sein zu „müssen“, ohne einen Plan B zu haben, erzeugt eher Frust als Gelassenheit und hat nichts mit gutem Hundetraining zu tun.
Impulskontrolle und Frustrationstoleranz sind Fähigkeiten, die nicht einfach „da“ sind. Sie müssen entwickelt, gefördert und vor allem kleinschrittig trainiert werden. Wichtig ist dabei vor allem eines: Dein Hund muss Verhalten lernen können, das sich lohnt, nicht nur aushalten, was ihn überfordert.
Training mit Plan – nicht mit Zufall
Ein häufiger Fehler im Alltag: Wir reagieren spontan, stecken Leckerlis ein und „probieren mal aus“. Doch dein Hund weiß in dem Moment gar nicht, worum es geht und Frust ist vorprogrammiert. Besser: Plane dein Training im Voraus. Frag dich:
- Welches Verhalten wünsche ich mir?
- Wie soll das Ergebnis konkret aussehen?
- Wie kann ich meinem Hund in Situation X unterstützen?
- Was ist mein Plan B, wenn es nicht funktioniert?
Am besten machst du sogar eine Trockenübung ohne Hund, damit du weißt, wann du dich wie bewegst und wann du belohnst. Denn je klarer du bist, desto leichter wird es dein Hund haben, dir zu folgen.
In kleinen Schritten zum Ziel
Geduld ist das A und O. Erfolgreiches Training bedeutet:
- Beobachten, wann dein Hund überfordert ist
- Kurze Übungseinheiten (5–10 Wiederholungen)
- Erst dann weitergehen, wenn mind. 80 % der Durchläufe klappen
Beginne in ruhiger Umgebung, nicht gleich auf dem Hundeplatz oder an der belebten Straße. Erst wenn dein Hund in einfacher Umgebung sicher ist, kannst du Ablenkung, Distanz und Dauer gezielt steigern.
Belohne strategisch – nicht willkürlich
Auch die Belohnung muss durchdacht sein:
- Wann markierst du richtiges Verhalten?
- Wo bewahrst du das Futter auf?
- Wohin orientiert sich dein Hund?
Ein typisches Beispiel: Wenn dein Hund gelernt hat, dass „Hand in der Tasche“ = „Keks gleich kommt“ bedeutet, wird er frustriert, wenn der Keks ausbleibt. Positioniere die Belohnung bewusst, um Orientierung und Frustration zu steuern.
Pausen klar signalisieren
Für Menschen bedeuten Pausen Erholung für Hunde oft Frust, weil plötzlich nichts mehr passiert. Deshalb: Signalisier deinem Hund klar, dass jetzt Pause ist. Zum Beispiel:
- Lege eine Decke aus
- Nimm den Futterbeutel ab
- Nenne dein Pause Signal
So erkennt dein Hund: Jetzt passiert nichts und das ist okay. Das hilft, Erwartung zu regulieren und Frust zu vermeiden.
Ziel des Trainings ist nicht: „Der Hund funktioniert“, sondern: „Der Hund versteht, wie er mit einer Situation umgehen kann.“
Fazit
Impulskontrolle und Frustrationstoleranz sind keine angeborenen Eigenschaften, sondern Fähigkeiten, die Hunde genau wie wir Menschen Schritt für Schritt erlernen müssen. Dabei geht es nicht darum, den Hund „ruhigzustellen“ sondern darum, ihm echte Lösungen anzubieten und ihn emotional zu begleiten.
Mit einem durchdachten Trainingsplan, klarer Kommunikation und viel Geduld kannst du deinen Hund darin unterstützen, entspannter mit schwierigen Situationen umzugehen. Und das zahlt sich im Alltag aus bei Begegnungen, beim Füttern, im Wartezimmer der Tierarztpraxis oder einfach bei Besuch an der Haustür.
Hier findest du weitere Übungen zur Impulskontrolle und zur Frustrationstoleranz (Folgt)
Kommentare
Meine Themen.
Außer Pausensignal klappt noch nichts wirklich